Gastbeitrag Pressemitteilung Topthema

Wir sind auch Baga, nicht nur Charlie!

Von Henrik Eisele, @Murgpirat

Der Terroranschlag auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift »Charlie Hebdo« vom 07.01.2015, dem insgesamt 17 Menschen zum Opfer fielen, löste eine weltweite Welle des Mitgefühls aus, wie sie seit dem Attentat auf das World Trade Center 2001 wohl nicht mehr zu sehen war. Beim zentralen Trauermarsch in Paris zeigten über eine Million Menschen ihre Solidarität und den Willen zum Kampf gegen den Terror. Auch die westliche Presse berichtet seit Tagen auf den Titelseiten vor allem über dieses Thema. Politiker aller Parteien stellen sich in die vorderste Reihe, um ihr Mitgefühl zu bekunden und sich nicht zuletzt auch selbst damit in der Öffentlichkeit zu profilieren. Auch wird versucht, den Terrorakt für die eigenen politischen Ziele zu verwenden. So rufen nicht nur PEGIDA-Mitläufer »Wir haben es euch doch gesagt, wie schlimm der Islam ist« und fordern strengere Regeln für Ausländer. Auch die Regierungsparteien, allen voran die CSU, rufen wieder laut nach der Vorratsdatenspeicherung. Dass diese jedoch nicht hilft, um Terror zu verhindern, sieht man jedoch gerade am Beispiel Frankreich. Dort werden bereits seit 2011 IP-Adressen, Telefonnummern, Email-Adressen und auch Passwörter verdachtsunabhängig von der gesamten Bevölkerung gespeichert. Die mutmaßlichen Attentäter von Paris waren den Behörden zudem als radikale Islamisten bekannt, standen auf Flugverbotslisten und waren auf der sogenannten Schengen-Liste zur Beobachtung ausgeschrieben. Das alles hat die Morde jedoch nicht verhindert. Dennoch will man dies zum Anlass nehmen, auch in Deutschland wieder eine Begründung zur Totalüberwachung zu finden. Dabei sind die Terroristen längst dazu übergegangen, andere, nicht überwachte Kommunikationswege zu nutzen. Das die CSU immer noch auf die Vorratsdatenspeicherung setzt, zeugt zudem von deren mangelndem Verständnis der technischen Möglichkeiten und Vorgänge, insbesondere im Internet.

Womit sich die Christlich-Sozialen in Bayern jedoch auszukennen scheinen, ist die Gotteslästerung. Immerhin hat der CSU-Chef Horst Seehofer 2012 gefordert, stärkere Strafen für Blasphemie einzuführen. Anlass war damals die Veröffentlichung der dänischen Mohammed-Karikaturen in eben jenem »Charlie Hebdo«, auf das nun der Anschlag verübt wurde. Herr Seehofer mag diese Forderung wohl vergessen haben, als er nun Trauerbeflaggung anordnete. Aber Flaggen drehen sich eben auch im Wind. Und so tritt die CSU heute für die Freiheit eben jener Presse ein, der man vor kurzem noch das gotteslästerliche Wort verbieten wollte.

Wie weit die Heuchelei von Politik und Presse geht, zeigt jedoch vor allem eine weitere Tragödie. Ebenfalls am 07. Januar wurde die nigerianische Stadt Baga bei einem Massaker der Terrororganisation »Boko Haram« niedergebrannt. Es wird von bis zu 2.000 Toten ausgegangen, die Stadt ist praktisch nicht mehr existent. 20.000 Menschen sind in der Region auf der Flucht. Nigeria ruft nach internationaler Hilfe im Kampf gegen Boko Haram. Die Terrorgruppe hat derweil angekündigt, den Kampf nun auch nach Kamerun zu tragen. Doch da die Titelseiten und Nachrichtensendungen noch immer mit »Nous sommes Charlie – Wir sind Charlie« Bekundungen gefüllt werden, wird über die Katastrophe in Nigeria höchstens als kleine Randnotiz unter »ferner liefen« berichtet.

Man kann Opfer nicht gegen Opfer aufrechnen. Dennoch sollten die 2.000 Opfer einer radikalen Al-Kaida-Schwesterorganisation mindestens genauso viel Beachtung finden, wie die 17 Opfer einer einzelnen, kleinen Terrorzelle, die lediglich entfernt mit den Rädelsführern verbunden ist.

Daher gilt für die Piraten: Wir sind auch Baga, nicht nur Charlie!

 

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